© PD Geißler 2014
Aus den Tiefen der Psyche, so, wie es die Kunst des Surrealismus fordert, holt uns Paul - Dieter Geiler seine knstlerischen Welten und die in ihr seienden Gestalten, die wir in seinen technisch exakten und fast altmeisterlich ausgefhrten Gemälden früherer Jahre erblicken. Geflügelte bedrohliche Wesen - wie aus der Urzeit hervorgebrochen -beleben phantastische Nachwelten. In einer Welt der Schwerelosigkeit und fast greifbaren Stille harrt eine Gestalt aus, die, obwohl aus diversen Gegenständen montiert, noch Menschliches aufweist und in verwandtschaftlicher Beziehung zu den zusammengesetzten Figuren der „pittura metafisca“ de Chiriscos steht. Auf was wartet diese Gestalt ? - oder ist sie Sinnbild der „verlorenen Zeit“! Andere Bilder dieser Schaffensphase Geißlers zeigen uns Waben - und labyrinthartige Räumlichkeiten, in denen gliederpuppenhafte Wesen wohnen oder sich „Das Nest der Holzschnecke“ befindet. Sind diese Werke Traumgesichte - aus dem Unterbewusstsein kommende surrealistische Umsetzungen der erlebten Wirklichkeit - so wie es die aus der Lehre von der Tiefenpsychologie Siegmund Freuds basierenden großen surrealistischen Denker und Künstler der 20er und 30er Jahre es sahen ? Der Surrealismus ist eine intellektuelle Kunst, die ganz bewusst unsere Sinne provoziert und unser Unterbewusstsein reizt. Es sind Impulse aus dem sinnlichen Bereich, die, wie Salvador Dali es formulierte und was auch auf Geißlers Arbeiten zutrifft, mit „imperialistischer Genauigkeitswut“ dargestellt werden können. Geißler st jedoch nicht der erste Künstler, der seine Kunst von einer naturwissenschaftlich - mmmmmsch und akademischen Exaktheit zu einer freieren malerischen, aber ausdrucksstärkeren Stilistik weiterentwickelte. Die ausgestellten Werke späterer Jahre zeigen nicht mehr die klaren Formen und luftleeren Räume seiner traditionell - surrealistisch orientierten Arbeiten, sondern einen malerischen Realismus, dessen Kompositionsprinzip vom Stilleben und der Collage - teilweise auch von der Grattage und Frottage Max Ernst s - bestimmt zu sein scheint. In einer Welt der maserigen Bretter und schründigen Mauern, die zum Teil in Schlamm versinken, liegt der hingesunkene Mensch im Räderwerk der Technik oder in torsohaften Rudimenten einer Gliederpuppe - die schon Künstler der Neuen Sachlichkeit, z. B. Ludwig Ronig, als Ausdruck des Ausgeliefertseins malten - im Schmutz. Die grau gebrochenen Farben unterstützen nur den Eindruck, daß hier die Angst und die Sorge um den heutigen Menschen in seiner bedrohten Umwelt gemeint sein können. Das in den Gemälden sichtbare stillebenhafte Interesse an banalen Objekten des Alltags sowie das angedeutete mpositionsprinzip der Collage kommt noch in weitaus konsequenterem Maß in Paul - Dieter Geißlers farbigen Reliefs und Plastiken zum Tragen. Das „object trouve“, das vorgefundene banale Altagsobjekt, wie es über die Kubisten, und besonders intensiv über die Werke der Dadaisten Marcel Duchamp und Kurt Schwitters in die spätere Kunst der Pop Art und des Nouveau Realisme der 50er und 60er Jahre geriet, interpretierte auch Geißler zu diesen Arbeiten. Stuhlsitze und - beine, Spiegel, Holzsplitter, Scherben und Steine fügen sich, überlegt farbig gefaßt, zu phantasievollen Plastiken und Bildkästen, die in der Tradition solcher von Duchamp, Max Ernst und Corneille, und diese in der mittelalterlicher Schreine stehen. Auch die Idee des Reliefs als dreidimensionales Gemälde zeigt nur umso deutlicher die wechselseitige gestalterische Beziehung zwischen Geißlers Bildern und seinen Bildkästen und Reliefs auf. Zeigen letztere doch manchmal sogar Bezüge zur gegenständlichen Darstellung. In diesem Grenzbereich zwischen ungegenständlicher und gegenständlicher Wahrnehmung zeigen sich - neben dadaistischen Tönen - jedoch die weiterhin existierenden, aber in malerischer und thematischer Hinsicht differenzierter vorgetragenen Bindung Paul - Dieter Geißlers an den Surrealismus. Diese Kunstrichtung hat jahrhunderte alte Vorgänger und Vorbilder. So ist der Begriff „Surrealismus“ mehr Ausdruck dessen, daß man sicher dieser Art von Kunst bewußt wurde und daß Kreativität und Phantasie unmittelbar mit dem Unterbewußtsein zusammenhängen - und diese wieder mit der Wirklichkeit. So hat diese Kunstrichtung - auch wenn sie anders benannt würde - noch die ganze Zukunft.
Einführungsrede Herr Dr. Gerhard Kolberg, Kustos am Museum Ludwig zu Köln 1983